Eine neue Ö-Norm setzt ein internationales Zeichen zur „Zukunft der Planung“ – Doch die Skepsis der künftigen AnwenderInnen bleibt groß.

Artikel von Univ.-Proj.-Ass. Dipl.-Ing. Lars Oberwinter

Lange schon ist Building Information Modeling in aller Munde - Fachpresse, Software-Marketing und Kongresse künden seit Jahren von der digitalen Revolution in der Bauplanung. Dennoch will sich die ‚neue‘ Arbeitsmethodik bei Planenden in Österreich und dem restlichen deutschsprachigen Raum nicht so recht durchsetzen, viele Zweifel bleiben: Hat BIM wirklich das Potential, einen echten Beitrag zur Optimierung des Planungsalltags zu leisten? Ist die Technologie ausgereift genug, um den komplexen Anforderungen österreichischer Bau- und Planungskultur gerecht zu werden? Stehen den Investitionen für Anschaffung und Implementierung reale Aufwandsersparnisse gegenüber?

Mit dem baldigen Erscheinen der Ö-Norm 6241-2 wird dieser Diskurs erneut entfacht: Erstmals im deutschsprachigen Raum wird der BIM-Arbeitsweise ein umfangreiches Regelwerk zur Seite gestellt, das die geometrischen und alphanumerischen Inhalte von virtuellen Gebäudemodellen von der Projektinitiative bis zum Abriss phasenscharf regeln wird. Die hierfür maßgeblichen Merkmale von Modellelementen (z.B. Materialien, bauphysikalische Kennwerte, statische Eigenschaften, etc.) wurden dabei in enger Abstimmung mit dem internationalen BIM-Datentransfer-Standard IFC entwickelt und haben reale Chancen, die Kollaboration zwischen unterschiedlichen Disziplinen und Softwareplattformen deutlich zu verbessern. Dieser weltweit einzigartige Normungs-Ansatz erregt schon vor dem Erscheinungstermin internationales Aufsehen und lässt selbst alte Hasen der BIM-Planung aus dem angloamerikanischen und skandinavischen Raum aufhorchen. Aus heutiger Sicht hat dieser neue, österreichische BIM-Standard große Chancen, Vorlage für einen künftigen EU-Standard zu werden. Doch auch wenn mit diesem Regelwerk ein wesentlicher Grundstein für künftige BIM-gestützte Arbeitsprozesse gelegt ist – es bleibt ein weiter Weg zu einer flächendeckenden Anwendung von BIM in der österreichischen Baukultur.

Die Gründe hierfür sind mannigfaltig: Ökonomisch betrachtet fehlen den vorwiegend kleinen Betrieben der Planungsbranche nicht selten die Mittel, Anschub-Investitionen in Software und Ausbildung zu tätigen - darüber hinaus wird in dieser Sparte ohnehin beachtlich wenig in Weiterbildung investiert. Es fehlen verlässliche Marktstudien zum ökonomischen Nutzen der BIM-Arbeitsweise für Planende, Ausführende und Bauherren, vorhandene Studien aus dem englischsprachigen Raum lassen sich auf Grund des andersartigen Planungs- und Bauprozesses nicht auf den deutschsprachigen Raum übertragen. Aus planungskultureller Sicht wird von Architekturschaffenden häufig argumentiert, das Arbeiten mit (vor-)definierten Bauteil-Elementen schränke die kreative Freiheit ein. Dies beruht jedoch auf einem gängigen Missverständnis: BIM kann (und wird) herkömmliche Entwurfs-Methoden, vom Bleistift über das physische bis zum digitalen 3D-Modell, nie ersetzen - die Zielsetzung ist lediglich eine nachvollziehbarere Dokumentation eines Planungs-Standes für alle Projektbeteiligten, und greift daher vor allem auch erst in späteren Phasen.

Das gängigste Argument der BIM-SkeptikerInnen ist und bleibt jedoch der unzureichende Entwicklungsgrad der Technologie, sowohl im eigenen Anwendungsbereich als auch in der interdisziplinären Kollaboration. Und tatsächlich stoßen alle marktführenden Programme bei allem Fortschritt der letzten Jahre noch immer an sehr reale Grenzen in Abbildung und interdisziplinärem Transfer der komplexen Inhalte unserer Planungskultur. Die mittlerweile bereits als Hollywood-BIM belächelten Verheißungen der BIM-Marketing-Maschinerie der letzten Jahre haben schon manchen „early Adoptor“ schmerzhaft spüren lassen, wie viel Zeit und Hirnschmalz auch innerhalb der besten Plattformen nötig ist, damit man eines Tages tatsächlich mal nur noch „auf’s Knopferl drucken“ muss. Studien der TU Wien untermauerten diese Praxis-Erfahrungen in den letzten Jahren empirisch.

Und dennoch: Sich der BIM-Methodik im Jahr 2015 mit dem Argument der technischen Unreife zu entziehen käme der Situation gleich, im Jahr 1995 die Einführung eines CAD-Computers mit dem Argument abzuschütteln, dass es keine assoziativen Bemaßungen oder Stapel-pdf-Exportmodule gäbe. Die heutigen BIM-Programme leisten technisch bereits Enormes, und so lassen sich auch die landläufig gefürchteten Mehraufwände im Modellieren durchaus mit der stellenweise radikalen Verkürzung anderer Arbeitsabläufe kompensieren: Echtzeit-Massenermittlung und automatisiertes Listenwesen, garantierte Konsistenz aller Projektionsebenen, Möglichkeiten zur interdisziplinären Kollisionsprüfung und ein deutlich besseres integrales Projektverständnis durch Visualisierung sind dabei nur einige der garantierten Vorteile, die AnwenderInnen Anno 2015 erwarten können. Mit der sorgfältigen Auswahl einer für die eigene Arbeitsweise geeigneten Software-Plattform und dem Aufbau eines prozessorientierten Büro-Standards kann so erwiesener Maßen auch kleinen Büros der Umstieg in überschaubarem Zeit- und Kostenrahmen glücken und schnell reale Mehrwerte schaffen.

Mit der Einführung einer neuen Software alle technischen, semantischen und prozessbedingten Probleme der heutigen Bauplanung erschlagen zu können, ist und bleibt Hollywood BIM – und dennoch eröffnen sich mit dieser Technologie und auch dem neu geschaffenen Regelwerk für Architekturschaffende große Möglichkeiten, lange verlorenes Land im Planungsprozess zurückzuerobern und auch neue Geschäftsfelder zu erschließen – Neugier, Initiative und Begeisterungsfähigkeit natürlich vorausgesetzt.

Eine übersichtliche BIM-Roadmap können Sie hier als Pdf downloaden | AutorInnen: Iva Kovacic, Lars Oberwinter, Michael Filzmoser, Kristina Kiesel